Im Unterschied zu unserem visuellen Wahrnehmungsapparat sind alle anderen Sinneserfahrungen in ihrer Qualität viel haptischer und subtilerer. Da wir sie nicht in dem Maße zielgerichtet einzusetzen vermögen wie unseren Blick, sind sie in der Lage, sehr starke subjektive Erinnerungen hervorzurufen, die es allerdings gilt, sich über die persönliche Verknüpfung und Zuordnung (wieder) bewusst zu machen.
Die akustischen Skizzen der Installation "Micro / Macro" fungieren als solche Erinnerungsträger. Sie entspringen allesamt unseren gehörten Alltagserfahrungen, vor deren Kulisse sie jedoch dem visuellen Gesamteindruck unterliegen. Und genau so auffällig sich unsere Wahrnehmung verschiebt, wenn wir beispielsweise eine Filmsequenz ohne ihren zugehörigen Ton betrachten, generiert dieses alltägliche Soundmaterial aus seinem visuellen Kontext herausgekoppelt und isoliert wahrgenommen ganz subjektive Erinnerungsbilder.
Man tritt unter diesen Kegel der "Klangsäule" und taucht ein in den eigenen akustischen Alltag. Die rhythmisch ratternde Rolltreppe ist ein technischer Mikrosound, für jeden sofort erkennbar und leicht mit dem persönlichen Bild des morgendlichen Hausverlassens und der ersten Schritte eines jeden Werktages zu verknüpfen.
In diesem Sinne wird dieser Installation zugrunde liegendes Soundmaterial in einen Mikro- und einen Makrobereich unterteilt. Der Mikrobereich umfasst einzelne Geräusche des Alltags, die von ihren Abläufen isoliert aufgenommen werden und in ihre innere und elementare Struktur zerlegt werden. Sie sind Extrakte des Alltags, die aus dessen akustischem Gerüst herausgekoppelt sind. Sie stellen ganz konkrete akustische Proben dar, die durch ihre Weiterbearbeitung jedoch einen hohen Abstraktionsgrad erreichen, indem sie ganz andere Assoziationsketten entstehen lassen. Die Wahrnehmung des Gehörten verändert sich von einem klaren Zuordnungsvorhaben weg und hin zu einem Sich-überlassen in die sich verselbständigende rhythmische Struktur.
Für den Makrobereich wird Geräuschmaterial in seiner Gesamtheit verwendet, als Soundteppich aus Lebenswelten, in dem alle einzelnen Sounds in ihrer Gesamtkulisse belassen werden. Diese Aufnahmen fungieren als Flächen, aus denen sich dann einzelne Detailsounds wiederum herauslösen. So demontiert sich diese Gesamtkulisse permanent, indem der jeweilige Fokus auf ihre einzelnen Bestandteile gerichtet wird. Dadurch wird gewissermaßen eine akustische Lupe angesetzt, die dem Zuhörenden die innere Beschaffenheit seine eigenen akustischen Alltagswahrnehmungen aufzeigt. Nur in der gegenseitigen Wechselwirkung von akustischer Gesamtkulisse und ihrer rhythmischen Fragmentierung kann der Eindruck einer Symphonie des Alltags entstehen.
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Vera Siegmund