
September / 2004
[Germany]
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Kannst Du mir kurz Deinen musikalischen Werdegang schildern? Wie bist Du zur Musik und zu dieser Art von elektronischer Musik gekommen?
Zur Musik bin ich über so eine punkige DIY Ästhetik gekommen. Eine alte Gitarre kaufen und mit Freunden abhängen und einfach mal was machen. Der Knackpunkt war aber der Zeitpunkt zu dem es dann möglich wurde Musik mit dem PC zu machen, also nicht nur zu hören, was für sich ja auch schon sehr viel ist, sondern eben auch damit rumzuspielen. Am Anfang waren das dann noch so ultrakurze komprimierte Stücke nach Residents Art. Als ich dann nach langer Zeit meinen (damaligen) alten Freund Ekkehard Ehlers wiedergetroffen habe gab es da so einen richtigen Aufschwung. Er hat von mir quasi eine komplette Einführung in das Thema »Musik machen mit dem Computer« genossen und sein Konzept von Autopoiesis eingebracht. Auf der ersten CD von uns als Autopoiesis ging es dann auch vorwiegend darum uns durch unsere Plattensammlungen durchzuhören und diese in vier Themenkomplexe zu sortieren, also bei Ekki alter und neuer Jazz, bei mir u.a. die Prison Songs. Das war dann für mich, der ich das Thema vielleicht etwas naiver und ohne dezidierten Masterplan angegangen bin, der Einstieg in die elektronische Musikproduktion.
Wie kam es dann zu der musikalischen und künstlerischen Beschäftigung mit Israel und Palästina?
Das hat sehr viel mit meinem persönlichen Background zu tun. Ich bin in Polen geboren, habe polnische wie deutsche Familie. Und die Beschäftigung mit der Vergangenheit, speziell auch mit dem zweiten Weltkrieg und dem Holocaust, ist in beiden Ländern schon sehr unterschiedlich. Rückblickend hat mich dieser Unterschied in der Wahrnehmung dieser Dinge als ich in beiden Ländern gelebt habe schon sehr stark geprägt. Als ich nach Deutschland kam, war mir der hiesige »Schuldkomplex« der sich um diese Themen herum entwickelt hatte schon sehr fremd. Andererseits habe ich erst hier wirkliche Juden auch kennen gelernt. In Polen war das Thema Judentum viel mehr mythologisiert, gar nicht reell fassbar. Das war für mich der Auslöser mich mit der Geschichte Israels zu beschäftigen, auch an der Uni dann. (Meissner ist studierter Soziologe und Pädagoge. Amn. d. A.).
Also ein sich von außen annähernder Blick auf Israel?
Ganz klar, ja. Ich habe mir das Thema angeeignet, durch Lesen, Reisen, viel mit Leuten reden, sich für die traditionelle Musik interessieren. Letzteres besonders als ich in New York gearbeitet habe und dort mit Musikern die in der chassidischen bzw. ashkenasischen Tradition (also grob gefasst, der mittel- bzw. osteuropäischen jüdischen Tradition, die u.a. Klezmer und Schtetl-Musik umfasst. Amn. d. A.) standen in Kontakt kam.
Ich habe den Eindruck dass Intifada Offspring nichts weniger versucht als eine Vorstellung/Repräsentation des kompletten elektronisch/künstlerischen Underground Israels zu geben. Wie in den Texten zur Ausstellung schnell klar wird macht es eben einen wesentlichen Unterschied ob und wie man z. B. eine Technoparty in Deutschland oder in Israel machen kann oder wie man auf bestimmte Tatsachen (z.B. die omnipräsente Trennmauer zwischen Israel und den autonomen Palästinenser Gebieten) reagieren kann. In welcher Hinsicht erfolgte dann die Auswahl der Beteiligten Künstler/Musiker? Wie kamen die Kontakte zustande?
Während meiner Arbeit für Mille Plateaux bin ich auf eine Radiosendung gestoßen die Ran Slavin gemacht hatte und die mich sehr interessiert hat. Ran hat auch den Text über die Radio-Station für die "Walking in Jerusalem" von Random_Inc geschrieben. Zusammengekommen sind wir durch seine Demo-CD die er bei MillePlateaux eingeschickt hat und der sich daraus ergebenen Korrespondenz/Kommunikation. Zeitgleich haben sowohl ich wie auch Ran mit dem Goethe Institut gearbeitet und wurden dann auch vom Leiter des Goethe Instituts in Tel Aviv, Hans-Jürgen Nagel, der einen starken Background in der akademischen elektronischen Musik hat und z.B. schon Iannis Xenakis eingeladen hatte, zusammengeführt, was unmittelbar zu drei gemeinsamen Konzerten in Tel Aviv und Jerusalem und dann sehr schnell zu einer tiefen und respektvollen Freundschaft geführt hat. Ähnlich ging es auch mit Eran Sachs. Aus so einem Gegenseitigen Interesse für die Kultur und die Arbeit des anderen sind so sehr viele Freundschaften entstanden, die natürlich auch auf die jeweilige künstlerische Arbeit zurückgewirkt hat. So kam ich auch über die Bekanntschaft mit den Labelmachern von Fact oder Miklataklitim an unglaublich viel Musik. Im Prinzip ist die »Bizz Circuits play Intifada Offspring Mix-CD« eine Auswertung dieses Hörens. Die Auswahl ist natürlich schon auch pädagogisch im Sinne von »Schaut mal her«. Aber eben nicht als Audiotourismus. Es ging schon darum mich zurückzunehmen und die Leute mit ihren eigenen Stimmen sprechen zu lassen. Ich hatte nicht das Bedürfnis das mit meinen eigenen Sounds zu mischen und davon nur Fragmente oder »Ethnosamples« in meinen eigenen Strukturen zu verarbeiten. Das wollte ich auf gar keinen Fall. Die Auswahl der Stücke war natürlich erst mal auf diesen - allerdings sehr umfangreichen - Pool an Musik beschränkt den ich über die Labelmacher und die Freunde dort zur Verfügung hatte. Darüber hinaus war die Auswahl rein intuitiv, nur über die Musik. Zusammengestellt zu einem 60minütigen Mixtape. Das ist in etwa auch der Mix der bei Bizz Circuits zum Einsatz kommt. Der End-Mix ist eine Zusammenstellung von unterschiedlichen Mixen, die bei unterschiedlichen Anlässen und in unterschiedlichen Locations entstanden sind, verteilt über 1 Jahr, und dann noch einmal im »Ostendzoo« meinem digital-virtuellen und auch imaginären Tonstudio abgemixt wurden.
Also war der Weg von der ersten Random_Inc Platte "Jerusalem: Tales outside the framework of orthodoxy" über die zweit, schon unter wesentlicher Beteiligung israelischer Musiker entstandenen »Walking in Jerusalem« zum Mix der Bizz Circuits auch ein Weg von der Außenperspektive als verarbeitender Künstler zu einer Binnenperspektive der lokalen Stimmen aus der sich die Person Sebastian Meissner weitgehend heraus hält und nur noch den Rahmen gestaltet? Auch eine Entwicklungsgeschichte?
Genau, bei mir war es eben zuerst der Blick aus dem Flugzeug, in dem ich nur Umrisse erkennen konnte. Später wurden die Stadtteile sichtbar, aber eben Häuser, noch keine Menschen. Jetzt bin ich den Wohnzimmern angekommen, sitze in den Tonstudios der Leute.
Gibt es einen speziellen Grund dafür, dass gerade diese Mix-CD jetzt wieder unter dem Namen Bizz Circuits läuft? Mit der ersten BC-Platte (»The very best of«, erschienen 2002 auf Deluxe Records aus Seattle) hat das ja eigentlich nicht viel zu tun?
Genau. Die Idee war aber jetzt nicht noch einen neuen Projektnamen dazuzunehmen. Und Bizz Circuits war eben das eher rhythmisch strukturierte Projekt, das auch eine gewisse Funkyness hatte, die auch bei den Intifada Offspring Beiträgen sehe. Auch wollte ich Random_Inc jetzt doch zu Grabe tragen und den Namen nicht mehr für etwas neues verwenden. Bizz Circuits, was ja auch ein Wortspiel mit Limp Biskit und Bizzy Bone - also auch etwas ironisch auf die Schnittstelle von Hip-Hop und Metal anspielend und mich gleichzeitig etwas über das Genre Electronic-Music/Microsound lustig machend - beinhaltet fand ich dafür einfach etwas frischer und geeigneter. Auch um zu sagen, dass es trotz all der Kunst doch so sehr nach Rock N` Roll riecht.
Besonders die CD-Version der Intifada Offspring ist ja sehr dicht und auch stark textdominiert, in Sprachen die hier eher nicht verstanden werden. War es Dir wichtig diese diversen und divergierenden Stimmen dennoch im Original, beinahe ungefiltert zu Gehör zu bringen? Offensichtlich sollen diese Passagen ja mehr und inhaltlicheres vermitteln als nur ein diffuses Gefühl für den Ort ihrer Aufnahme (also mehr als üblicherweise mit Field-Recordings gemacht wird) nämlich dezidierte Statements? Ist das nicht ein Widerspruch? Spielt da eventuell eine bewusste/gewollte Überforderung des Hörers mit rein?
Überfordern wollte ich nicht per se, aber den Leuten viel um die Ohren hauen schon. Es ist halt wie ein hektisches Vorspielen. Aber ehrlich gesagt finde ich den Flow absolut akzeptabel. Aber klar ist dass es Musik ist die gehört werden will und nicht nebenbei neben der Arbeit laufen kann. Das führt tatsächlich zu Überforderung. Aber ich glaube dass der Flow das wettmacht. Es gleitet und man landet unversehens von einer Sache bei einer völlig unterschiedlichen anderen. Es soll ja auch nicht leicht sein. Auch wenn das natürlich ein Anspruch ist der heute schon etwas verkommen ist. Ich will Sachen sehen, Sachen hören die mich fordern. Das gibt es heute viel zu selten. Das ist mein Anspruch an Musik: Nicht linear zu bleiben, sich zu schlängeln. Strukturen zu haben die nicht so üblich sind. Dass Gekreische und Funky Beats auf ein und dieselbe CD passen und diesen Flow haben..
Auf dem ersten Teil der Intifada Offspring sind ja nur Künstler aus Israel. Der zweite Teil soll dann nur Künstler aus Palästina vorstellen. Wird so nicht auch wieder diese Trennung der Kulturen fortgeschrieben?
Die Trennung hat schon einen Grund. Ursprünglich war das Projekt Intifada Offspring, dessen Name einer Videoarbeit von Ran Slavin entspringt, als breit angelegte Dokumentation für die Bundeskulturstiftung konzipiert, als DVD Produktion von verschiedensten Künstlern aus beiden Seiten. Leider wurde es dann kurz vor Schluss doch abgelehnt, bzw nicht finanziert so dass ich jetzt quasi die »Low Budget« Version davon gemacht habe, als Kurator und Kompilator. Diese Trennung sollte es eigentlich also nicht geben. Obwohl ich dann während der Produktion schon gemerkt habe dass es für manche der Künstler schon ein Problem war auf eine DVD mit Künstlern der jeweils »anderen Seite« zu kommen. Als Dokumentation wäre das für die meisten in Ordnung gewesen auf eine gemeinsame DVD zu kommen, aber in der jetzigen Form, die ja eher als »Showcase« aufgemacht ist, gab es doch viele Bedenken. Die einzige wirkliche israelisch-palästinensische Zusammenarbeit die ich bisher de facto zustandegebracht habe, ist die Klimek CD. Das Frontcover ist von dem palästinensischen Photographen Steve Sabella und auf der CD ist ein Quicktime-Clip von Ran Slavin.
Und das obwohl ja die berüchtigte Trennmauer zwischen Israel und Palästina von vielen der Beteiligten explizit thematisiert wird?
Das lag ja schon im Ansatz des Projektes. Die Leute auf beiden Seiten sehen sich ja nicht. Es ist da einfach eine unglaubliche Mauer aus Problemen, Vorurteilen und Klischees da. Es gibt einfach eine gegenseitige Unerreichbarkeit, die durch den tatsächlichen Mauerbau ja nur ein physisches Abbild gefunden hat.
Das so etwas tatsächlich auch noch in den Köpfen der Leute stattfindet die man aus unserer westlich geprägten hochmütigen Sicht als die fortschrittlichsten bezeichnen würde einfach irgendwie drin ist?
Ja genau. Und das war schon einer der Kernpunkte des Projektes. Sehr viele Israelis reagieren so. Es ist ein ganz starke künstlerische und politische Auseinandersetzung mit diesem Thema da, aber gleichzeitig auch eine ganz starke Verdrängung, ein Drang das alles auszublenden, sich zurückzuziehen. Das ist auch in den Gegenpolen Jerusalem und Tel Aviv zu sehen: Die westlich hedonistische Strandmetropole und das Zentrum des religiösen Fundamentalismus, was auch das »Triumvirate« Video von Elyasaf Kowner auf der DVD sehr schön zeigt.
Vielleicht ist es deshalb auch der einzig gangbare Weg diese stark divergierenden Standpunkte, zwischen Eskapismus und politischem Aktivismus einfach unmoderiert, nebeneinander auf die DVD zu stellen, wie es ja jetzt der Fall ist?
Für mich auf jeden Fall, denn auch wenn ich in den Wohnzimmern angekommen bin, befinde ich mich immer noch in einem Lernprozeß, übe mich im Verstehen. Deswegen sind auch die Texte im Booklet so wichtig, weil da noch mal ein persönlicher Blick vermittelt wird der nichts mit mir zu tun hat.
Siehst Du die Musik auch als lebensfähig bzw interessant an wenn dieser Kontext komplett ignoriert würde? Wenn die Bizz Circuits als Pop-Ambient aufgenommen würde? Die Vinyl-Version geht ja schon tendenziell in die Richtung, da die Stimmen fehlen.
Finde ich schon. Die Tracks sind technisch sicher nicht extrem innovativ in dem Sinne dass sich die Kreativität unbedingt im Sounddesign widerspiegeln muss, aber die Leute gehen etwas freier und unverkrampfter mit Elektronik ohne sich so sehr um Sparten zu scheren. Der zweite Teil der CD ist natürlich schon etwas eindeutiger, wo der arabische Radiosender über eher fröhlichen Beats liegt. Was man auch einfach immer raushört ist dieser israelische Blues. So wie bei Mar Mimavet. Dessen Stück »Nishbar Li Ha´Zayin« was frei übersetzt »Sie haben mir den Schwanz abgeschnitten« heißt, ist für mich der Ausdruck der ohnmächtig-»kastrierten« Generation der Israelis. Es ist schon so dass sehr viele Leute einfach ein Ohnmachtsgefühl haben und an ihrem Leben in Israel leiden, nicht zuletzt durch die Zeit bei der Armee die für viele schon sehr traumatisch war. An diesem Punkt ist es für mich nicht mehr exotistisch überhörbar. Trotzdem ist auch klar dass die Leute westlich angebunden und sehr gut informiert sind, die neuste Software haben und »The Wire« lesen.
Noch zum Thema Exotismus. Manche Tracks zitieren ja traditionelle Instrumente. Eine Sache die ich kaum Beurteilen kann ist der Status dieser Verwendung von tendenziell folkloristischen oder klassischen einheimischen Musiktraditionen, die ja als Tradition im Falle der jüdischen Musik, noch mal durch die Diaspora verkompliziert und verfremdet wurde. Wie stellen sich die jungen elektronischen Musiker Israels und Palästinas solchen Traditionen? Wie gehen sie damit um? Abarbeiten, ironisieren oder hinter sich lassen?
Die jüdisch-israelische Gesellschaft ist ja grob gesagt (die äthiopischen Juden und die russischen Einwandere mal ausgelassen, die ja noch mal eine andere Identität haben) in zwei Hauptgruppen aufgeteilt, der politisch-kulturell vorherrschenden und bestimmenden ashkenasischen (mittel- bzw osteuropäischer Herkunft. Anm. d. A.) und der sephardischen (nordafrikanischer oder arabischer Herkunft. Anm. d. A.), wobei letztere Gruppe kulturell deutlich diffuser und uneinheitlicher ist. In dem Umfeld in dem ich mich in Israel bewegt habe ist das ashkenasische als Musiktradition nicht besonders präsent, obwohl diese Gruppe politisch und allgemein gesellschaftlich schon sehr deutlich dominiert. Die traditionelle ashkenasische Musik wird aber als eher konservativ und altbacken gesehen, als Yiddische Hochzeitsmusik.
Die dann viel eher noch in New York en vogue ist.
Genau. Das sephardische boomt dagegen seit zwei, drei Jahren in Israel. Das geht bis zu orientalisch-hebräischem Ethnopop mit Vocoder im Madonna-Style und Texten wie »Rabbi save me«.
Andererseits ist aber auch, gerade bei den jüngeren Musikern eine deutliche Orinetierung gen Westen vorhanden?
Ja klar, bei sehr vielen Ashkenasen bleibt immer noch eine gewisse schwer abzulegende und ich finde auch nur zu verständliche Nostalgie gegenüber Europa, die auch jetzt mit dem Beitritt von Polen zur EU wieder neuen Auftrieb bekommen hat.
Wobei das natürlich wieder unterschwellig die Abgrenzung gegenüber den arabischen Bevölkerungsteil verstärkt.
Ja, das sehe ich auch als ein Problem. Dieser Widerspruch von »Wir gehören doch hierher. Wir waren ja eigentlich schon immer hier« und dieser Suche nach einer wie auch immer gearteten Verbindung mit Europa.
Was die Identitätsfindung natürlich nicht gerade erleichtert.
Ja, aber deswegen will ich es mir mit meinem Bezug und meinem Blick auf Israel ja auch nicht so leicht machen.
Lass uns noch etwas über Klimek reden.
Also der grundlegende Unterschied von Klimek und der Intifada Offspring Sache ist natürlich dass Klimek ausschließlich meine Musik, mein Projekt ist, auch wenn der Bezug auf Israel/Palästina genauso vorhanden ist. Der Oberbegriff für die Klimek Platte war »Slow Down« was sich ja auch in den Photos meines Freundes Binyamin "loo_hooki" Oren aus Israel, dem auch das Release gewidmet ist, wiederfindet. Seine Motive sind Straßenschilder, vor Kurven oder Tunnels z.B., auf denen dreisprachig, englisch, arabisch und hebräisch »Slow Down« steht. Und das ist auch sein Lebensmotto. »Leute kommt mal wieder runter, werdet was lockerer«. Diese Analogie fand ich sehr ansprechend und die hat sich dann einfach auch irgendwann in meiner Musik wiedergefunden. Ich wollte einfach eine Musik machen, die das Langsamste ist was noch kein Ambient, die letzte Geschwindigkeitsstufe vor Ambient, ohne Dub zu sein. Ich habe mich auch schon durchaus positiv mit der Art von Rezeption abgefunden mit der die Platte aufgenommen wurde, also mit dem netten, romantischen. Ich finde es schon in Ordnung wenn es als romantisch und kuschelig gehört wird. Es ist nur erstaunlich das fast keinem die Diskrepanz zwischen der Musik und den Bildern und Titeln aufgefallen ist.
Es erstaunt mich dass niemand das unterschwellig bedrohliche herausgehört haben will. Ich empfand dass eigentlich als ganz zentralen Bestandteil der Musik. Aber wenn das keiner gehört hat, spricht dass dann nicht doch dafür dass Klimek als Ambient oder gar Chill Out funktioniert (bzw funktionieren kann)? Trotz der Songhaftigkeit, der erzählenden Struktur?
Vielleicht liegt es daran, dass ich für mich den Begriff Ambient zu sehr mit Esoterik und Beliebigkeit identifiziere. So sehe ich gerade die Entwicklung von Ambient, leichte, unbeschwerte Wellness-Musik. Nichts gegen das leichte, unbeschwerte, aber komplette Unterforderung? Das kann es nicht sein. Ich sehe die Klimek Musik ganz klar als Songs, nicht als vor sich hin schwebende 6-minuten Flächen. Eine Erzählstruktur ist mir wichtig.
Die man heraushören aber genauso gut auch ignorieren kann, wenn man möchte?
Ja, das geht schon in Ordnung. Wobei ich mir schon den feineren Hinhörer wünsche. Aber ich erwarte das nicht.
Du bedienst Dich ja nicht dieser typischen »digitalen« Ästhetik die ja auch von Mille Plateaux immer sehr stark gefördert wurde, wo auch immer so ein gewisser Zusammenhang zwischen der digitalen Produktionsweise, bzw. der Materialität der Musik und ihren Inhalten nahegelegt wurde? Grenzt Du Deine Musik da absichtlich davon ab?
Das hängt eher von meiner Arbeitsweise ab. Ich benutzte eben vorwiegend Samples, komme vom Sampling. Ich habe diese Arbeit mit Tongeneratoren oder Frequenzmodulatoren nie für mich entdeckt, nie wirklich erlernt. Mir liegt das Aufarbeiten meiner Plattensammlung, der Musik die ich gehört habe viel näher. Wenn ich eine Track höre und z.B. eine Gitarrenstelle wunderschön finde will ich damit weiterarbeiten. Nicht um mich dadurch zu bereichern, sondern weil es in mir drin steckt, weil es mich erwärmt. Ich will es aufnehmen und weitergeben. Wie die Tattoos von Miss Kittin: »Inhale« auf dem einen Arm und »Exhale« auf dem anderen.
Kannst Du mir etwas über die Aufbauprinzipien Deiner Musik sagen? Wie weit spielt dabei Prozessierung eine Rolle und wie weit Zufall, oder absichtsvolles Fehlermachen? Die Klimek Platte z.B. wirkt ja sehr streng durchkonzipiert und komponiert.
Ja auf jeden Fall. Ich benutze den Zufall nur als Rohmasse. Es soll schon Zufall geben, aber nicht im Sinne einer totalen Random-Musik. Das habe ich für mich schon mit dem »Random Industries« Projekt auf Ritornell abgeschlossen. Das kann schon funktionieren, ist aber selten spannend. Und um Spannung geht es mir ganz klar.
Wie in Klimek Tracks ja auch ganz klar rauszuhören ist. Die haben ja einen fast schon filmischen Spannungsaufbau - ohne Klimax allerdings.
Auf jeden Fall. Zufall ist in den Klimek Tracks nur in der Hinsicht drin, dass es alles First Takes sind. Es gibt keine vorgegebene Komposition. Es fängt immer mit einem Bassloop an und dann kommen einfach in zufälliger Reihenfolge die Samples dazu. Ich gehe dazu einfach nacheinander die Sampledatenbank durch ohne wirklich zu wissen was kommt, nehme Elemente auf und verwerfe sie auch wieder. Das geht dann auch schon mal über eine Stunde oder mehr. Der eigentliche Track entsteht dann später durch Editieren. Es ist klar dass viele Dinge einfach nicht passen, die dann nachher wieder herauseditiert werden damit der Track Form und Struktur bekommt und einen für mich in dem Moment richtig erscheinenden Flow aufrechterhält.
Also eine Art gesteuerter, editierter Improvisation? Aleatorik?
Ja. Gesteuerter Zufall.
In einem Interview hast Du mal gesagt Du wärst eine tendenziell autistische Musikerpersönlichkeit. Gleichzeitig machst Du aber Musik die extrem auf Kommunikation und Wechselwirkung mit anderen basiert. Wie geht das zusammen?
Also schon bei der Arbeit in Autopoiesis, mit Ekkehard Ehlers, also zwei Leute sitzen vor einem Rechner, habe ich den Austausch sehr genossen. Ich habe auch so eine Lust zu kommentieren, auch die Arbeiten anderer. Ich suche da schon den Disput in der Produktion. Und das fehlt mir gerade etwas. Das ist eben das autistische daran.
Gibt es denn dann Pläne für künftige Zusammenarbeiten?
Ja, immer mehr. Als erstes wird es auf Sub Rosa eine Multimedia (CD/DVD) Arbeit von mir, Ran Slavin und Eran Sachs geben, die wir für das Goethe-Institut Krakau und das renommierte Krakauer »Festival of Jewish Culture« gemacht haben. Die Arbeit wird »Presence/Absence: Into the void« heißen und geht zu den Wurzeln meiner Auseinandersetzung mit der jüdischen Kultur, meine persönliche Signatur, mein familiärer Bezug zu Polen (ein Bezug der auch bei Ran und Eran vorhanden ist), der Suche nach dem jüdischen in unserer Kultur. Außerdem wird es eine DVD-Produktion mit Maximilian Jänicke und Didi Fire geben, die vorwiegend auf Rendering-Fehlern basiert, sozusagen auf dem reinen Bit-Material, so was wie der Essenz der Computerbilder, und die als Weiterführung meiner Zusammenarbeit mit Max, deren Frucht die Videoarbeit "Losing Touch" war, gedacht ist. Zudem arbeite ich gerade schwerstens an einem SST-Tribute Projekt (gemeint ist das in den 80ern operierende amerikanische Experimental-Punk/Hardcore Label SST, das mit Bands wie Black Flag, Hüsker Dü oder den Minutemen, in der musikalischen Sozialisation wohl fast aller SPEX-Autoren und älteren Leser heftige Narben hinterlassen hat. Anm. d. A.). St. Vitus auf einer Kirchenorgel, Hüsker Dü mit der Harfe gespielt. Da arbeite ich mit Frank Etling als Co-Produzenten mit sehr viel Musikern und ich sehe da schon einen gewissen Pop-Appeal und eine breitere Wirkung. Für mich war SST zu seiner Zeit so etwas wie Mille Plateux in den 90ern, die beide nach dem Prinzip arbeiteten: rauszubringen was nur geht und wenn etwas Geld gemacht hat, wird das dazu benutzt noch mehr Musik rauszubringen. Da würde ich mir auch ein paar hippere Namen wünschen. So als Traumvorstellung: Miss Kittin mit T. Raumschmiere covert Black Flag.
[Frank Eckert]
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