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ACOUSTIC DATAVISUAL DATAINSTALLED INDUSTRIESWORK & TALK

August / 2004
[Germany]
Sebastian Meissner ist das erste Mal 1999 mit dem Projekt Autopoieses, das er zusammen mit Ekkehard Ehlers ins Leben rief, in Erscheinung getreten, war aber schon vorher jahrelang in der Frankfurter Szene aktiv und ist z. B. mit Rajko Müller alias Isolée seit Jugendtagen befreundet. Im Jahr 2000, nach der Auflösung von Autopoieses, erschien auf dem Mille Plateaux-Unterlabel Ritornell das erste Album von Random Inc. (damals noch Random Industries), dass in den nächsten Jahren zu seinem Hauptprojekt werden sollte. Während die erste CD sich vor allem der Dekonstruktion herkömmlich komponierter Musik und der Ausreizung der Random Mode-Funktion des CD-Spielers widmete, floß ab der zweiten Random Inc.-Veröffentlichung ein neues Thema in Meissners Arbeit mit ein. Unter dem Albumtitel Jersualem: Tales Outside The Framework Of Othodoxy wagte Random Inc. eine Annäherung an den Nah-ostkonflikt, baute folkloristische Samples in die elektronischen Soundlandschaften ein und unterteilte die CD - getrennt von einer einminütigen Pause - in eine israelische und eine palästinensische Hälfte. Das zugehörige Book-let war vollgepackt mit Zitaten, die Meissner gemeinsam mit dem JUNGLE WORLD-Autor Thomas von der Osten-Sacken zusammengetragen hatte. Mit dem darauffolgenden Album Walking In Jerusalem, einen fiktiven Rund-gang durch die geteilte Stadt, wurde das Thema vertieft. Diesmal holte sich Meissner eine Reihe gleichgesinnter MusikerInnen wie Tim Hecker, Ultra-Red, The Rip-Off Artist, Dub Taylor oder den Israeli Ran Slavin ins Boot, um mit ihnen gemeinsam "die Stadt zu erkunden". Ein Stück weit abstrakter, elektronischer fiel diese CD aus. Zwei beigefügte Videotracks zeigen eine optische Auseinan-dersetzung mit dem Thema in Form von Musik-Visuals sowie eine kurze Doku über Random Inc.'s ersten Auftritt in Jerusalem. Spätestens bei einer seiner Performances, die sehr stark von Videoprojektionen zur Situation im Nahen Osten geprägt wurde, wurde einem klar: hier hat jemand sein Thema gefunden.

Inzwischen wurde der Name Random Inc. von Meissner zu Grabe getragen, stattdessen ist er nun interdisziplinär unter einer ganzen Anzahl an Pseudonymen aktiv. Unter dem Namen Bizz Circuits setzt sich das Random Inc.-Projekt unter etwas anderen Vorzeichen fort, als Klimek veröffentlicht Meissner in der Kompakt Pop Ambient-Reihe, war auf The Notwist's Solo Swim-EP vertreten und verbindet hier Gitarrendrones, Dub-Elemente und Ambient. Zusammen mit der erfolgreichen und innovativen Videokünstlerin Lia gründete er außerdem das Audio-Video-Crossplattform-Duo Tiny Little Elements, für seine fotografischen Arbeiten nutzt er das Pseudonym aUTOkoNTRasT. In allen Bereichen seiner Arbeit streift Sebastian Meissner dabei immer wieder das Thema "Naher Osten", das allerdings bei einem seiner jüngsten Projekte ganz im Mittelpunkt steht. Intifada Offspring nennt sich die offen angelegte Kommunikationsplatt-form für MusikerInnen und KünstlerInnen, in deren Manifest die Dekonstruktion des "sogenannten Nahostkonfliktes" und das Ausloten von Kommunikationsmöglichkeiten mit dem Ziel eines friedlichen Zusammenlebens formuliert ist. Der erste Release des Projektes, die bereits ober erwähnte Bizz Circuits-CD+DVD Nisbar Li Haza'een, erschlägt einen förmlich mit gut 30 israelischen KünstlerInnen, deren Tracks auf der Audio-CD ineinandergemixt werden, und zusätzlich 20 Videos, Kurzfilmen und Reportagen, die sich auf der DVD wiederfinden. Eine Veröffentlichung die ganz nebenbei die Vorwürfe gegenüber elektronischer Musik wie "Inhaltsleere" und "akademische Abgehobenheit" entkräftet und sich an ein Thema wagt, das den meisten MusikerInnen und KünstlerInnen zu heiß ist - trotz oder gerade wegen seiner politischen Brisanz, denn im Konflikt zwischen Israel und Palästina liegt immerhin eine Art Schlüssel für das Verständ-nis der momentanen Weltpolitik.

Das Reden über und Position-Beziehen zu diesem Politikum ist aber gerade in Deutschland in den letzten Jahren schwierig geworden, besonders in politisch links stehenden Kreisen, wo die sogenannte "Antideutsche" hinter jeder Kritik an der Staatspolitik Israels Antisemitismus wittert, sich andererseits alte FriedensaktivistInnen nicht zu blöd sind, bei Anti-Irakkrieg-Protesten neben Neo-Nazis auf der Demo zu stehen. Beim Treffen mit Sebastian Meissner fiel mir daher besonders die Gelassenheit und Souveränität auf, mit der er über das Thema redet, wohl auf die Sicherheit bauend, selber schon in der Nahostregion gewesen zu sein und dem Konflikt im Kugelhagel am Grenzposten oder bei aggressiven Diskussionen zwischen Kontrahenten direkt in die Augen geblickt zu haben. Diese ruhige, dennoch bewußte und offene Herangehensweise an das Thema macht Intifada Offspring zu einem Hoffnungsschmimmer im verfahrenen Diskurs zwischen Lagerdenken und Ignoranz.

Zu Beginn unseres Gespräches erklärte mir Sebastian Meissner erstmal das Zustande-kommen der Bizz Circuits CD+DVD sowie des zugehörigen Vinyl-Samplers...

Die Grundlage des Materials sind Tracks von israelischen Musik-/Tonkünstlern und Fieldrecordings von mir, teilweise noch aus Zeiten der Walking In Jerusalem, teils Mate-rial aus einer Installation fürs Podewil in Berlin, Pirate Radio Stations, das sind Auf-nahmen von religiösen Piratenradiosendern, israelisch-jüdischen, die auch arabisch senden, die habe ich zusammen mit zwei Freunden gemacht. Das war eine ziemlich große Band-breite, ich habe das Material erstmal geschnitten, habe mich durch super viele Releases von Israelis durchgehört und meine Lieblingsfrag-mente rausgesucht. Der Rest ist einfach im Mix, im Flow passiert, so sind sessionartige Sachen entstanden, plus ein paar Gedichte von Freunden oder Spoken Word-Sachen, die ich noch verwendet habe. Im Prinzip ist das ein ziemlich wirrer Mix, teilweise vier Sachen übereinander, wo sich durch die Überlagerung neue Songs ergeben. Die CD besteht aus unterschiedlichen Sets, die sind alle aufgelistet, also die Orte, an denen ich dieses Projekt bereits aufgeführt habe. Am Ende hab ich geguckt, wie die unterschiedlichen Auftritte passen und habe sie entsprechend in einen Gesamtflow gebracht.

Das Vinyl ist im Prinzip ein Sampler mit Musik aus Israel, pro Seite ein Thema. Die A-Seite ist New Electronica mit Beats, die B-Seite ist eher Improv-Szene, Fusion von Laptop und Livemusikern, u. a. mit Achim Wollscheid bei einem Auftritt in Tel Aviv mit israelischen Musikern, die C-Seite gehört fast komplett Dibur Yisraeli, einer Rock-Improv-Band, da geht es um eine Umdefinition des Juden oder des Israeli, teilweise etwas hippiemäßig, Grateful Dead-artig, mit Revolutions-rhetorik. Wenn bei uns Bands von Revolution reden, ist das ja eher abgedroschen, aber wenn man sich Israel anschaut, dann ist das, was die Jungs machen, sehr radikal. Denen hab ich die komplette Seite gewidmet, mit einem Aus-schnitt aus einem Konzert von ihnen. Die D-Seite ist eher dem Crossover von Electronica und Post-Rock gewidmet. Das letzte Stück, ein Noise-Stück, ist von mir und das habe ich Dror Feiler gewidmet, da habe ich einen Spruch von ihm aufgegriffen, "Make Noise, Not War".

Die große Frage ist natürlich: warum dieser Themenkomplex?

Das ist eigentlich die schwierigte Frage. Ich kann das ja jetzt mal anreissen. Ich mußte mir in der Vergangenheit über dieses "Warum?" erstmal selber Gedanken machen. Ich bin in Polen geboren, bis ich 12 war habe ich in Polen gelebt (Czestochowa - Bytom/Ober-schlesien), mein Vater ist deutschstämmig, meine Mutter ist Polin. Worüber ich mir als Kind nie Gedanken machte: in Polen, da gab es soviele Juden wie sonst nirgendwo in Europa. Dort bin ich mit der Anwesenheit und Abwesenheit dieser Geschichte aufgewachsen. Irgendjemand hat immer ein jüdisches Schtetl-Lied vor sich hingesummt. Aber die Aufklärung bezüglich der Nazi-Zeit lief im kommunistischen Polen ein bißchen anders, es waren schlimme Sachen passiert, aber eigentlich gibt es die Juden nicht mehr, und doch irgendwie schon. Dann habe ich Geschichten gehört von meinem Vater, diese 67er Geschichten, die auch in Polen geschehen sind. Mein Vater, der erzählte, dass er eine jüdische Freundin hatte, die auf einmal das Land verließ. Kleine Puzzleteile, Kindheitserinnerungen waren das. Meine Familie ist auch sehr aufgesplittet, die einen haben bei den Nazis gekämpft, der deutsche Teil, und der andere Teil ist in den KZs umgekommen, es gab immer eine superkrasse Anspannung in der Familie, Fights, Beschim-pfungen, "die Polacken" und "die Nazis". In diesem Klima bin ich aufgewachsen. Erst später, über Uni, Literatur, kam dann die Frage: wie ist der Staat Israel entstanden? Die Leute, die nicht ermordet wurden, wo sind die hingegangen? Was wollten sie machen, was haben sie gemacht, was waren die geschichtlichen Koordinaten damals, der Geschichtskontext? Das habe ich mit dem ersten Release (Random Inc. Jerusalem: Tales Outside The Framework Of Orthodoxy - Anm. d. Verf.) eher naiv, aus einer ganz entfernten, vorsichtigen Perspektive versucht, durch das Entdecken von Folklore, das Aufzeigen der beiden Perspektiven. Die Grundthese des ersten Releases habe ich erst vor Kurzem mal richtig ausformuliert. Im Prinzip ging es um den Mythos Jerusalem und die Grundthese lautet, dass das Land eigentlich einem aschkenasischen Juden genauso fern ist wie diese Juca-Folklore auf arabischer Seite, die im Prinzip nicht arabisch ist, sondern ihre Wurzeln ganz woanders hat, dass da ein ähnlicher Prozeß stattgefunden hat. Ich war vor kurzem in Algerien, da sagen die Leute eben: "Ja, wir haben den Propheten einfach angenommen," die sehen das halt chilliger, "aber eigentlich sind wir keine Araber". Ich wollte diese Ferne zu diesem überkodierten, mystifizierten Ort zu zeigen. Je ferner man von diesem Ort entfernt ist, umso mehr Projektionsfläche hat man eben.
Du hast ja bei der ersten CD trotzdem in Booklet eine Auseinandersetzung betrieben, hast mit Thomas von Osten-Sacken von der JUNGLE WORLD zusammen Texte ausgewählt, hast nicht nur von draußen draufgeguckt, sondern schon eine Stoffsammlung gemacht.

Ja, bei der Stoffsammlung, da hat mir Thomas sehr viel geholfen. Ich war eher ein bißchen ratlos. Wir haben uns beide gefunden, ich wollte es nicht auf der "Folklore meets Electronica"-Idee beruhen lassen, sondern es mußte etwas reelles mit rein. Die Zitate von Koran bis zu Gedichten sind dann eher noch auf den Mythos bezogen, auch wenn es ein paar harte Facts gibt, z. B. die Häuserzerstö-rungen in Ost-Jerusalem.

Warst Du vor der Jerusalem-CD schon mal dort?

Ja, da hatte ich aber mit elektronische-Musik-machen noch gar nichts am Hut, das war 1997. Das war noch 'ne gute Zeit, da konnte man noch 'rumreisen... es gab Tourismus.

Hat dann die erste CD etwas ausgelöst?

Meinst Du bei mir?

Nein, eher in der israelischen Szene?

Oh, das sollte man nicht überbewerten.

Aber war das nicht das erste Mal, das sich in der Musik jemand mit der Geschichte auseinandergesetzt hat?

Ja, das auf jeden Fall. Okay, so gesehen gab es schon Reaktionen. Zwei Freunde, die ich jetzt da drüben habe, das sind Eran Sachs und Ran Slavin, den ich damals, als ich bei Mille Pla-teaux gearbeitet habe, per Demo-CD aus Israel kennengelernt habe. Da kam so ein Päckchen von Eran - aus Israel, natürlich superspannend, gleich einlegen und hören. Ich hab ihm gleich meine geschickt und er so: "Oh, was ist das für'n Typ, macht 'ne CD über die Stadt, wo ich aufgewachsen bin". Eran arbeitet für einen Kulturspielort in Jerusalem und hat sich dann dafür eingesetzt, dass ich dort spielen kann, hatte 'ne WIRE-Review gelesen und sich ge-dacht "Ja, darauf hab ich gewartet! Jerusalem meets Glitch-Electronica." Das kam dann sehr schnell zum Kontakt. Er hat sich auch bemüht, dass Reviews im Zusammenhang mit meinem Auftritt dort erschienen sind. Ich würde jetzt lügen, wenn ich behaupten würde, dass das irgendwelche Wellen geschlagen hat. Vieles hat sich durch das Aufeinandertreffen und das Zwischenmenschliche aufgelöst, wie sie mich kennengelernt haben, wie ich drauf bin, und mein Interesse für das Land. Nicht so "anthropologisch", sondern durch zusammen Ausge-hen und Bier trinken.

Das ist dann auch das, was auf der "Walking In Jerusalem" dokumentiert ist, oder?

Genau, das ist dann der erste wirkliche Austausch, also hinfahren wegen und mit der Musik. Ran Slavin ist Videokünstler und hat Visuals bei meinen Konzerten gemacht, ich war damals mit einem Freund da, der Kameramann ist, so ist der Quicktime-Film, der auf der "Walking In Jerusalem" ist, entstanden.

Ich fand das sehr spannend bei dem Film auf der CD, ihr lest da in der Zeitung eine Ankündigung oder eine Kritik der CD oder von einem Deiner Konzerte, wo du als "goi" (hebräisch für Nichtjude, eher im ausgrenzenden, abwertenden Sinne) bezeichnet wirst.

Ja, das war witzig.

Wie waren da die Reaktionen, hast Du da alles mögliche abbekommen, Zustimmung oder Ablehnung?

Meinst Du in den Reviews?

Ja, aber auch, wenn Du live gespielt hast.

Das Publikum, na ja, das darf man nicht so überbewerten... In der Zeit war gerade die Belagerung von Arafats Hauptquartier, die Stimmung war sehr angespannt, kurz davor sind mehrere Bomben geflogen und so. Die Leute sind eher skeptisch gewesen, schon rein der Ästhetik gegenüber. Außerdem war ich mit dem Konzert in Jerusalem gar nicht so zufrieden, der Flow war für mich nicht so wirklich da, ich war natürlich auch nervös. Das Publikum... na ja, es waren schon viele Leute da. Es ist teilweise schon das Material von der "Walking In Jerusalem" gewesen, also abgekoppelt von den traditionelleren Sachen, sehr abstrakt. Ich kann mir vorstellen, dass es den Leuten eher schwer gefallen ist, damit etwas anzufangen, rein ästhetisch. Ich habe probiert, das mit Visuals ein bisschen zu untermalen. Nach dem Konzert hatte ich mit ein paar Leuten gesprochen, die es "interessant" fanden, aber so richtig ist der Groschen nicht gefallen. Das, was wirklich stattgefunden hat, war das Zwischenmenschliche. Das ist für mich immer noch ein Prozess der Annäherung.

War es dann auch ein Thema, dass Du Deutscher bist?

Nee, aber ich muss schon ganz ehrlich sagen, dass es einen Unterschied macht, dass ich nicht ganz Deutscher bin, zumindest bei einigen Leuten. Einigen war es super egal, aber bei vielen gab es die Reaktion "Ah, meine Familie ist auch aus Polen, aus Da-und-da" oder "Ja, meine Großmutter hat auch polnisch gesprochen" und so weiter - es ist auf einmal 'ne andere Basis da. Ich will ja jetzt nicht mit Mentalitäten anfangen, aber ich erkenn' die polnischen Einflüsse in vielem, was so übertragen wurde, die Küche, so Kleinigkeiten, da kommt das manchmal kurz auf.

Nach diesem Besuch, wie ging's da weiter? Das Netzwerk Intifada Offspring, gab's das schon oder ist das dann erst entstanden?

Nein, das ist schon mein Gespinst, das ist eigentlich entstanden als... da war so ein Moment, wo ich keine Lust hatte, von einer CD zur anderen CD zu dackeln, sondern wo ich Lust hatte, gerade was das Thema Israel und Palästina angeht, etwas größer zu denken. Und weil ich optimistisch war, an "Kulturgelder" heranzukommen, habe ich einen Antrag an die Bundeskulturstiftung gestellt, das war der Grundstein. Der Antrag ist auch ziemlich bis zum Ende durchgekommen, fast bis zur letzten Runde, aber wie ich mir jetzt hinterher sage, hatten die einfach Schiss. Ich würde das so interpretieren, natürlich sagt mir das keiner so. Als ich's abgeschickt habe, habe ich mir schon an den Kopf gegriffen: "Du schickst denen ein Projekt, das heißt Intifada Offspring, Du glaubst doch nicht wirklich, dass diese Leute Dein Projekt fördern werden". Das ist mir dann noch mal aufgegangen. Aber die haben mir auch Interesse signalisiert, ich habe dann notwendige Unterlagen noch nachgereicht, wo ich mir dachte "die kriegen genug Anträge, so schlecht kann das nicht sein." Aber denen war das zu heiß. Jemand, aus Deutschland...

...ohne akademischen Background...

Genau, den konnte ich ja auch nicht nachweisen, sondern nur meine Aktivitäten, und das, was ich so gemacht habe war wohl nicht ausreichend. Am Ende war das Konzept auch etwas glattgebügelt, aber im Grunde war es das, was ich so gesehen habe: der junge Israeli und seine Identität - so wie Ran, der mich fragte "Sag mal, gibt es überhaupt Hotels in Ramallah" - "Wieso denn nicht?" - "Na ja, vielleicht sind sie ja alle weggebombt oder so." Diese ganz elementaren Sachen, was früher noch stattgefunden hat. Früher sind die Leute von Jerusalem nach Ramallah gefahren, weil dort die Drinks billiger waren, jetzt nicht mehr. Die Palästinenser, die denken: das sind alles nur Zionisten, die uns hier nur das Land wegnehmen wollen. Überdimensionierte Klischees eben. Ich hab ja Pädagogik studiert (kicher), und da war mein Ansatz - jetzt auch mit der Mauer: die Leute müssen doch erst mal mehr voneinander wissen. Warum stehen in den Videotheken keine Filme von palästinensischen Filmemachern? Warum werden in Palästina keine Filme von Israelis gezeigt, anspruchsvolle Filme, die sich mit dem Konflikt auseinandersetzen? Das war meine Motivation, also nicht unbedingt den Palästinen-sern in diesem Teil zu beweisen, "guck mal, das sind eigentlich coole Leute auf der anderen Seite, nehmt sie wahr", sondern ihnen auch klarzumachen: die Leute, die denken nicht nur so, wie es die Klischees vormachen. Ich hätte mir damals gewünscht, mit einem funky Budget mit den Leuten zusammenzuarbeiten. Es war damals noch geplant, eine Mischung aus Palästinensern und Israelis auf einer CD zu versammeln. Die Goethe-Institute in der Region haben mich auch sehr unterstützt, alle eigentlich - Ramallah, Jerusalem und Tel Aviv haben mir Empfehlungen und Finanzierungszusagen gegeben. Klar, die können kein großes Budget auftun, aber haben mir zumindest ein paar Tore aufgemacht, in Ramallah z. B., da wurden mir super viele Leute vorgestellt und ich bin sehr viel 'rumgekommen. Es war sehr, sehr fein, eine Woche in Ramallah zu sein und mit Leuten zu sprechen und eben die sogenannte palästinensische Seite zu erfahren.

Und da warst schon eher Du aktiv, Eran und Ran hatten also keine Kontakte zur palästinensischen Seite?

Nein, das gibt es da so nicht. Die Leute wünschten, sie hätten Kontakte, aber die Situation ist so verfahren, die Leute wissen nichts voneinander. Eigentlich darf kein Israeli "rüber", die würden ihn am Checkpoint zurückweisen. Andererseits gibt es aber Leute wie Niv Hachlili - der Mann ist die gebündelte Energie, er fährt überall hin, mit seiner Kamera, fährt zu den Checkpoints, Kamera draufhalten, Clashes, er ist der erste, der schlichtet, wenn sich zwei kloppen - unglaubliche Energie, schreibt viel, macht Bilder, Gedichte, Reportagen für lokale Zeitungen. Ein sehr unkonventioneller Mensch. Natürlich will nicht jeder aus Jerusalem das hören, was er schreibt. Im Booklet sind sehr viele Texte von ihm, Reportagen und Prosa. Er war für mich auch solch eine unglaubliche Begegnung. Aber er kennt auch keine jungen Leute oder Filmemacher aus Ramallah, er sucht den Kontakt zu - nennen wir es mal "einfachen" Leuten, geht zu Bauern, deren Dorf gerade von verrückten Siedlern belästigt wurde oder so. Solch unterschiedliche Charaktere gibt es, es ist auch viel Nichtwissen und viel Angst im Spiel, was man teilweise verstehen kann. Ich weiß nicht warum. Ich empfand es nicht als Akt von Mut, da in Ramallah über den Checkpoint zu gehen oder auf der Rückfahrt in eine Schiesserei zu geraten. Das war schon krass, am Checkpoint, der Taxifahrer kreidebleich, Schüsse, Steinewerfen, dieses typische Medienbild eben. Ich hab's nicht so wahrgenommen, aber die Leute dort - die Wahrnehmung des Innen von Außen ist sehr stark. Das zu durchbrechen ist sehr schwierig für die Leute, die dort leben.

Wie war das in Palästina, musstest Du die Szene erst suchen, Leute, die elektronische Musik machen?

Also, das hatte ich mir gar nicht erhofft, Leute mit elektronischer Musik. Ich wollte Leute, die im weitesten Sinne Kultur oder Kunst machen mit verschiedenen Ansätzen treffen. Die Ausrichtung von Jugendlichen in Israel zur Zeit, was Du Dir in der Doku auf der DVD angucken kannst, die Öffnung nach Westen und zu dem, was für uns hier Popkultur heißt, das findet so in Palästina nicht statt. Das war mir schon klar, als ich den Antrag geschrieben habe, dass es so nicht funktionieren wird, dass ich mir die Leute anders anschauen muss oder sie auch anders suchen muss. Das waren Leute von Malern über Bildhauer, Schauspieler bis hin zu Theaterleuten - sehr, sehr unterschiedlich. Ich hab auch nicht probiert, durch die westliche Kulturkritiker-Brille zu schauen, mit "das gab's bei uns schon vor 30 Jahren", sondern einfach zu hören, was die Leute sagen und was sie machen.

Du meintest vorhin, es war geplant, das alles auf eine CD zu packen? Wie kam's jetzt anders?

Ja klar, das war das ursprüngliche Projekt und das hätte man mit einem schönen Interface präsentieren können. Mir war da eine nonlineare Story vorgeschwebt, wo Du das DVD-Menü komplett ausreizen kannst, mit Sub-Menüs, wo Du eintauchen kannst in bestimmte Themen. Das hätte dann auch zusammensein können, aber das war dann die große Frage, da ging's dann los: "Würdest Du auch mit einem Israeli auf der gleichen DVD draufsein wollen?" usw. Die Israelis, mit denen ich was zu tun hatte, hätten eher weniger dagegen gehabt. Von Künstlern auf palästinensischer Seite war schon eine prinzipielle Weigerung, aus einem symbolischen Charakter heraus, mit Israelis sich auf eine Bühne zu stellen, im gleichen Kontext, auf dem gleichen Filmfestival etc. Das ist natürlich schwierig gewesen. Ich hab probiert, das zu verstehen. Die sehen es anders - ich nähere mich eben durch Israel an, ich komme nicht vom Jordan, sondern komme durch Israel rein, und da ist natürlich eine viel größere Skepsis da. Es ist auch wichtig für die Leute, dass sie nach außen erstmal zeigen, dass sie mit keinem Israeli kollaborieren wollen. Aber da ist eben kein Dialog da, kein "Streitet Euch bitte, aber auf einer fruchtbaren Ebene, aber nehmt Euch wahr und baut nicht immer wieder diese Mauer aus Klischees."

Glaubst Du, dass die Beteiligten die Grundidee des Intifada Offspring-Manifestes, also die Dekonstruktion des Konfliktes, auch verstehen, oder dass sie das ganze eher als ein Podium sehen?

Nööö, das ist auf jeden Fall für sie ein Podium. Einige Leute werden das sicher befürworten, finden das wirklich interessant und sind bereit, sich darauf einzulassen. Aber ich mache mir da nichts vor, das ist ein von mir geschriebenes Manifest, und das stellt für mich in erster Linie eine Ermutigung, eine Plattform dar - "Fangt erst mal an, mit dem, worauf Ihr Lust habt". Dazu gehören Impulse. Ich habe da noch ein anderes Projekt über Mahmud Darwish, den klassischen palästinensischen Dichter, seine Gedichte zu vertonen, hörspielartig, vielleicht auch unter dem dezenten Einsatz von Electronica. Als ich das Projekt angedacht und Infos darüber rausgeschickt habe, waren einige von den Israelis super begeistert und wollten sofort mitmachen. Das ist auch eine Seite von Intifada Offspring, nicht aufdringlich zu sein, sondern eine Plattform anzubieten und wer Lust hat, macht mit. Was gibt´s besseres, als eine junge Generation von Israelis, die einen palästinensischen Dichter wahrnimmt?

Zum Manifest: klar, im Prinzip wünsche ich mir, Intifada Offspring könnten die Public Enemy des Middle East werden, aber ich weiß, dass es so nicht geht. Aber es ist eine Gelegenheit und all die Israelis, die jetzt auf dem Release drauf sind, suchen die Gelegenheit, die sind viel ausgehungerter, die wollen was machen, die haben viel zu sagen - nicht so in Worten, eher künstlerisch. Sie nutzen die Plattform und es gab da auch keine Reaktion à la "Intifada Offspring, was soll denn das, Alter!". Sie denken sich ihren Teil und einige wissen von meinen Arbeiten davor, wissen, wie ich ticke und was meine Motivation ist, aber sie lehnen es nicht ab, sondern können ihr Plätzchen dort finden.

Ist Intifada Offspring als Netzwerk in Israel selbst irgendwie präsent oder laufen die Stränge über Dich?

Nein, keiner der Leute agiert dort als Intifada Offspring, im jetzigen Stadium bin ich die Zentrale und die CD + DVD ist das erste Kind. Ein Freund von mir arbeitet gerade an der Webpage, im November soll es drei Events in Ramallah, Tel Aviv und Jerusalem geben. Dort hoffe ich, ein bisschen sehen zu können, wie weit diese Zusammengehörigkeitsgefühl unter den Beteiligten in Israel gehen kann. Ich würde gerne Treffen organisieren und in diesem Kontext die Leute direkt ansprechen "Wie weit könnt Ihr Euch das vorstellen, könnt Ihr was damit anfangen?" Das wird wahrscheinlich für jede Stadt sehr unterschiedlich ausgerichtet sein. Das Herzstück des Jerusalemer Undergrounds, die Bar Rosa, die machen nächsten Monat eine Prelistening/-viewing-Party - Party ist übertrieben, eben eine kleine Veranstaltung zum Release. Auf der Webpage würde ich gerne Leute featuren wie z. B. Niv, der Bilder macht und schreibt, dass er einen festen Platz dort bekommt und die Sachen, die er sonst als Rundbrief nur an Freunde verschickt, dort veröffentlicht werden. Oder dass regelmäßig andere Leute, wenn sie einen Film machen, dort eine Quicktime-File hinstellen können, oder wenn Leute einen Track machen, Texte schreiben, eine Review schreiben, dass so was dort platziert werden kann und anwächst.

Ich denke mal, das ist noch 'ne ziemliche Pioniersache, oder kennst Du ähnliches?

Ich hab' keine Ahnung. Ich meine, ich will mich da jetzt nicht eingebildet hinstellen oder so. Es haben viele Leute auf 'nem Kollektiv-Level Projekte über das Land und den Konflikt gemacht. Das ist übrigens auch etwas, was ich gerne auf der Webpage einbauen würden, dokumentieren, was schon passiert ist, das hat ja alles eine Geschichte. Die Mutter von Niv hat mir z. B. erzählt, sie hat schon in den 60er Jahren an Straßenecken gestanden und ein Transparent mit "Schluss mit der Besatzung" hochgehalten. So etwas hat für uns hier und für die Leute dort auf einer unscheinbaren Ebene stattgefunden, darüber redet man nicht. Das erzählt man sich von Freund zu Freund, von Family zu Family. Auch, dass es Leute in Israel gibt, die die Besatzung etwas anders sehen, dass es viele Organisationen mit Geschichtsbewusstsein gibt, die großartige Arbeit machen, das bekommt man nicht mit. Diesen Wahrnehmungskomplex auf der Webpage zu porträtieren, das wäre auch ein Teil von Intifada Offspring.

Nun ist ja das ganze Thema gerade ziemlich verfahren und komplex, besonders wenn man in linke Diskurse reinguckt. Das was Du machst, damit positionierst Du Dich ja bewußt in einer "kommunikativen" Ecke, also weder anti-deutsch, noch anti-israelitisch, noch 100% pro-palästinensisch. Du versuchst, eine Verbindung zu schaffen. Was hast Du denn hierzulande für Reaktionen darauf? Wenn Du Dich in die nähe "politischer" Publikationen begibst, dann findet doch sicher 'ne Art Polarisierung statt, oder?

Also, eigentlich ist das frustrierende die Nicht-Wahrnehmung. Meine These, na ja, mein Eindruck ist, dass gerade bei Linken diese Scan-Codes, was jemand macht und wie ich den dann einordne, ganz stark funktionieren. Wenn dann jemand herkommt wie ich, mit Titeln wie "Intifada Offspring" oder "Walking In Jerusalem", dann wird da gar nicht mehr dahintergeguckt, was es damit überhaupt auf sich hat. Damals, bei der "Walking In Jerusalem" gab's eine Review in der KONKRET, eher so halbherzig. Ich habe den Eindruck, in ca. 90% der Rezensionen über meine Arbeiten haben sich die Leute überhaupt nicht mit den Themen beschäftigt, sondern schreiben eben das ab, was sie im Pressetext vorgekaut bekommen. "Schwieriges Thema" und "ganz toll, dass Du Dich damit befasst", aber da geht niemand wirklich tiefer drauf ein. Das ist das ernüchternde für mich, und in explizit linken Publikationen nimmt das halt überhaupt niemand wahr.

Aber liegt es nicht auch daran, dass "die Linke" Probleme mit elektronischer Musik hat, schon fast so klassisch? Nicht umsonst steht ja auf den JUNGLE WORLD-Merchandising-T-Shirts "Rocklinke" vorne drauf...

Ja, aber Moment mal, die müssen ja die Musik gar nicht unbedingt hören, ich biete denen ja auch 'ne DVD, die können sich auch die Texte durchlesen. Ich bin von der "Intifada Offspring" Veröffentlichung auch so überzeugt, weil selbst Booklet, Artwork und die Filme auf der DVD für sich so aussagekräftig sind. Aber ich bin's so ein bisschen leid, nichtssagende Reviews und so, davon hab ich schon genügend. Was ich wirklich schade finde, ist, dass sich niemand hier einklinkt, so wie mein Freund Marc Flachmeyer, der sofort begeistert war und als Kameramann mit mir nach Israel gefahren ist.

Hast Du denn überlegt, ob Du Dein Konzept verschärfen solltest, um hier mehr Reaktionen zu bekommen?

Du meinst, provokanter zu werden? Also, eigentlich ist der Titel Intifada Offspring ja schon provokant genug. Aber es gab noch eine Idee für das Artwork, die war leider nicht umsetzbar - wegen Geld, natürlich. Ich wollte eigentlich mit so einer Calvin Klein-Mode-Fotografie-Ästhetik arbeiten und mit dem, was wir hier gerade so als fancy Post-Gang-Culture kultivieren. Modefotos mit Steinschleuder oder Gang Tatoos "Intifada Offspring" auf'm Körper - hätte ich sehr gerne umgesetzt, das wäre eine Provo-Schiene, auf die ich mich einlassen würde.

Vielleicht ist das ungewöhnliche auch, dass Du Dich aus 'ner persönlichen Sicht erst mal dokumentarisch an das Thema annäherst, und nicht gleich mit Kritik kommst, sei es nun an Israel oder Palästina. Damit können die Leute wohl nicht umgehen.

Ja, aber diese kritische Perspektive, das muss ich mir doch erst mal erarbeiten, mit Leuten in Kontakt treten, muss mehr wissen, bevor ich da meinen Mund aufreiße. Jeden Tag, den ich mich damit beschäftige, versuche ich, eine Kritik auszuformulieren - eine Kritik an Israel, an der Politik Israels, eine Kritik an der Zersplitterung beider Seiten, der Gesellschaften... Ich irre in Gedanken ständig zwischen beiden Seiten, zwischen den Positionen hin und her, aber das ist ein langer Prozess. Vielleicht übe ich mich in einfachen Statements zu wenig, wie z. B. von palästinensischer Seite, wenn die sagen "Uns geschieht unrecht!" Ganz einfach, platt, das hat auch seine Berechtigung. Oder dass man nicht aus den Augen verliert, wer hier eigentlich der Besatzer ist. Vielleicht tu' ich das wirklich zu wenig. Ich hab' mir natürlich kontinuierlich eine Meinung gebildet, aber darum soll es in meinen Projekten nicht gehen. Es geht ja eher um das Thema Wahrnehmung, darum, eine Plattform zu finden, wo die Leute sich auch streiten können, wo sie sich ein "Du hast aber..." oder meistens ein "Ihr habt aber..." an den Kopf werfen können. Das ist ja auch so ein Problem, dieses konstruierte "Wir" als "Volk" oder Gruppe. Entsprechend haben Israelis und Palästinenser auch totale Probleme mit Selbstkritik, weil sie dann gleich als Verräter da stehen. Zum Beispiel bei Niv, wo jemand aus seiner Familie zu Besuch kam, ihm die Kamera aus der Hand schlug, ihm ins Gesicht spuckte und sagte: "Du bist schlimmer als ein Araber!". Das ist richtig krass, aber das funktioniert auf beiden Seiten so.

Was wird denn auf der zweiten Intifada Offspring-CD zu finden sein?

Gute Frage, da gibt es bisher wenig Material. Es gibt ein paar Kompositionen von mir, die auf Soundmaterial von einer folkloristischen Gruppe aus Palästina basieren. Sabrin heißen die, von denen habe ich mir bei den letzten Aufnahmen CDs mitgenommen und daraus Samples verarbeitet. Ich hab inzwischen gesehen, dass es viele Alben mit so Titeln wie "Desert Blues" gibt, aber was die spielen, das ist wirklich Blues, ganz groovy, dunkel... Das ist es bisher, aber wie ich schon angesprochen hab, wird da einfach die Annäherung viel schwieriger werden.

Aktuell machst Du ja auch viel unter dem Pseudonym Klimek. Ist Klimek, so wie die DE:BUG mal schrieb, Deine "Liebeserklärung an Israel"?

Ja, das stimmt, der LP-Titel Milk And Honey, der biblische Terminus, das ist meine persönliche Liebeserklärung an das Land. Ich mag's dort schon, das ist ein sehr, sehr schönes Land.

Ist Dir das dann so aufgegangen, wie Du Dich mehr damit beschäftigt hast?

Nee, gar nicht, sondern gleich bei der ersten Reise. Ich mochte es dort. Im Prinzip ist es ein bisschen eine "So-schön-könnte-es-dort-sein-wenn-nicht-..."-Sache, daher kommt auch die Melancholie auf den Klimek-Stücken. Außerdem war Dub als Einfluß wichtig. Zudem ist die Platte ein Stückweit eine Hommage an meinen Freund Binyamin Oren, der in Jerusalem ein Label betreibt. Der hat eine ganze Serie von Fotos mit Straßenschildern gemacht, und auf allen steht in hebräisch oder arabisch "slow", so à la "Kommt mal runter!" oder "Macht mal langsam!", und so lebt er auch - selbsternannter Anarchist, baut sich morgens erst mal einen Joint, setzt sich ins Studio, macht Musik, macht Coverartwork, fotografiert, geht raus... Die ganze Platte ist ein Stück weit eine Respektbekundung und Liebeserklärung an ihn, an seine Art, in diesem Land anders zu leben.

Im weiteren Gespräch kamen wir u. a. noch auf Muslimgauze alias Bryn Jones zu sprechen, der bereits in den 80er Jahren das Thema Naher Osten zum Kern seiner musikalischen Arbeit machte. Sebastian hatte dessen Musik erst vor einigen Jahren - nachdem er immer wieder auf Parallelen angesprochen wurde - entdeckt und hätte Jones gerne zu Lebzeiten getroffen und mit ihm diskutiert. Auch von seinen Erfahrungen bei einem Auftritt in Krakau erzählte er noch, wo er sich im ehemaligen Ghetto mit einer Art "Holocaust-Tourismus" konfrontiert sah, inklusive auf jüdisch getrimmter Restaurants mit Kellnern mit angeklebten Schläfenlocken, während ein jüdisches Alltagsleben nicht mehr stattfindet (Meissner hat sich dieser Entwicklung in Krakau in seiner Fotoserie "Into The Void" angenommen). Oder von seinem Eindruck von der israelischen Techno-Szene, wo sich jedes Wochenende Zehntausende Jugendliche bei Mammut-Raves dem kollektiven Eskapismus hingeben. Kleine Anekdoten und Zitate sind es auch, die häufig die Booklets seiner Veröffent-lichungen füllen, und so ein Netz an Eindrüc-ken entstehen lassen vom "normalen" Alltag, abseits der Nachrichtenmeldungen von Zu-sammenstößen und Selbstmordattentaten.

In der Zwischenzeit ist Sebastian Meissner von Frankfurt nach Wien umgezogen und mit dem Video-Projekt "Tiny Little Elements" (zusammen mit Lia) in aller Welt gebucht, u. a. auf dem Sonar 2004 und 2005 sowie bei der Transmediale 2005, zudem bereiste er im November letzten Jahres erneut Israel und Palästina. Die Internet-Plattform Intifada Offspring leidet wohl etwas unter so viel Umtriebigkeit, ist doch bisher nur eine vorläufige Version mit wenigen Funktionen online, aber am liebsten wäre Sebastian Meissner eh, dass sich andere Leute einklinken und nun eben erst mal ein Grundstein gelegt ist, hier etwas wachsen kann. Außerdem können nun, durch den Release und interessierte HörerInnen israelische Labels wie Fact und Miklataklitim in Europa bekannter werden.

Meissners Arbeiten sind letzten Endes auch ein Beweis dafür, was Musik leisten kann, wie sie gesellschaftliche und politische Prozesse aufgreifen und Anstöße geben kann, seine Projekte grenzen sich durch ihre Offenheit aber gleichzeitig von eindeutig positionierten Modellen wie einerseits John Zorn's Tzadik-Label oder andererseits Muslimgauze ab. Das Thema "Nah Ost-Konflikt" ist in anderen Bereichen wie Literatur, bildender Kunst, Film oder Comic schon lange präsent, mit Bizz Circuits/Klimek und einigen anderen Projek-ten (u. a. den Aktivitäten von DJ/Rupture mit der Band Nettle, der New Yorkerin Mutamassik sowie dem bereits im Artikel erwähnten Israeli Ran Slavin) könnten auch durch Musik neue und vor allem konstruktive Impulse gegeben werden, die dem Abwinken à la "das ist mir alles zu kompliziert" und dem Gefühl der Machtlosigkeit entgegenwirken. Das dies mit "normaler" Rockmusik anscheinend nicht zu machen ist, ist da nur eine weitere Erkenntnis.


[Tobias Lindemann]